Ellen Trude: Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden – warum sollte das mit der digitalen Transformation so geschehen?

e_trudeDerzeit geht es Schlag auf Schlag mit unseren Experten-Interviews. Daher hier nun die nächsten spannenden Antworten zu unserem Fragen zur Revolution des Digital Workplace – diesmal von Ellen Trude. Ellen Trude ist Expertin zum Thema Social und Workplace Learning – sie war mehr als 25 Jahre im Bildungswesen der Bayer AG beschäftigt und dort auch in Projekten zum Thema Enterprise 2.0 sowie neuen digital-sozialen Fortbildungsmaßnahmen involviert. Sei 2012 unterstützt sie als selbständige Expertin diverse Unternehmen in Fragen zum Community Management, Social Collaboration und Social Learning. Ellen Trude ist ein häufige Teilnehmer unserer Veranstaltungen und auch im Programm der Fachkonferenz zur CeBIT Social Business Arena am 17.03. involviert.

1. Was steckt für Dich hinter den Schlagworten “Social Collaboration”, “Enterprise 2.0” und “Digital Workplace”? Was ist Deine Erklärung für das Thema und seine Bedeutung?

Erst einmal tatsächlich Schlagworte, die oftmals unterschiedlich besetzt sind. Bei Enterprise 2.0 betrachte ich das gesamte Unternehmen in all seiner Komplexität, das seine Geschäftsprozesse, seine Kultur, seine Organisation, seine Kundenbeziehungen etc. nach einem social vernetzten Modell ausrichtet und lebt – möglich durch den Digital Workplace, der die Voraussetzungen für Vernetzung und Social Collaboration schafft. Social Collaboration ist Arbeiten in kollaborativen Teams, Communities, Netzwerken ohne die viel zitierten Schranken, Hierarchien, Silos, sondern basierend auf Kompetenzen und Fähigkeiten, die (eigen)verantwortliche Zusammenarbeit, vorzugsweise in Communities, für den Erfolg des Unternehmens ermöglicht.

2. Warum sind bei diesem Thema auch Ende 2014 noch keine substantiellen Erfolge und Veränderungen in der Breite der Unternehmen zu erkennen?

Bei der Frage denke ich an das Sprichwort: Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden. Und wir bauen kein Unternehmen, sondern suchen einen schweren Tanker durch Herumlegen des Steuers flugs in eine andere Richtung zu lenken, wobei manchmal unklar ist, wer das Kommando gab, oder – mit Schmunzeln könnte man sagen – einer Meuterei gleich – eine Abteilung heftigst am Ruder zerrt. So lange aber nicht die gesamte Mann-/Frauschaft mit Hand anlegt, schlingert der Tanker hier und da ein wenig. Ich denke, dass die vielen kleinen Erfolge, die wir in Unternehmen sehen, Bausteine für Veränderungen in der Breite sind – wie in Rom halt.

3. Was macht für Dich eine gute Strategie zum Thema “Social Collaboration” & “Digital Workplace” aus?

Eine gute Strategie ist die individuelle, die zum Unternehmen passt. Und zwar zum Unternehmen in seiner Gesamtheit und heruntergebrochen auf den Einzelnen. Wer unter der gefühlten Last von E-Mail-Überflutung, ständiger Erreichbarkeit per Smartphone und wachsendem Druck arbeitet, wird sich Veränderungen on Top so lange verschließen (schließlich funktionieren die Arbeitsweisen ja, und es ist bisher noch nicht bewiesen, dass ein Unternehmen wegen Arbeitsweisen insolvent ging), bis die Fragen nach dem “What’s in for me” und “Purpose” beantwortet sind. Heißt Veränderung erleb- und fühlbar, damit den Benefit sichtbar machen und vor allem kritische Fragen diskutieren – in allen Unternehmensebenen. Voraussetzung ist, dass eine offene Kultur des Vertrauens und offene Kommunikation von Anbeginn den Wandel begleiten, Freiräume geschaffen werden, um sich den anderen Arbeitsweisen zu nähern und die individuellen Potenziale der Mitarbeitenden im Team, in Communities und im ESN sichtbar werden zu lassen.

4. Gibt es für Dich Prozessfelder, wo für das Thema relativ sicher “Quick Wins” erzielt werden können?

Quick Wins im Sinne von schneller Erfolg bei möglichst geringem Aufwand sehe ich kritisch, da schnelle Erfolge (für die “Projektbeteiligten”) oftmals flugs zu erreichen sind, die Wins von vielen nicht wahrgenommen werden und vielfach in den Tiefen der ESN verschwinden. Ich glaube, es gibt Unternehmensbereiche, deren Natur einen zügigen Einstieg erlaubt: Communications, Servicebereiche in der Kommunikation mit ihren internen Kunden und damit verbundenem Change in internen Prozessen, Weiterbildungsabteilungen sowohl in Kommunikation als auch Design von Lernangeboten. Darüber hinaus standort- und/oder länderübergreifende Zusammenarbeit in virtuellen Teams und Communities. Soft & agile wins wären mein Ziel, und diese können in nahezu allen Prozessfelder identifiziert und erreicht werden.

5. Was ist Deine zentrale Empfehlung für die Einführung und Etablierung dieser Konzepte im Unternehmen?

Nur die Mitarbeitenden, die verstehen, worum es geht, werden sich auf Veränderung einlassen; das bedingt, die Ebene der Vision zugunsten klarer Ziele und Beschreibung der erwarteten Veränderungen zu verlassen. Ein Einlassen auf diese Veränderungen fördern, aber auch fordern, verbunden mit einem Enabling, designed nach den Prinzipien eines E 2.0.