Begriffsverwirrung Social Collaboration, Enterprise 2.0 und Digital Workplace

Enterprise 2.0, Social Collabortion, Digital Workplace
Am 11. Dezember letzten Jahres starteten wir mit unserer Interviewreihe “Digital Workplace Revolution 2015“. In acht Interviews haben Experten aus verschiedenen Unternehmen ihre Sichtweisen zu den Themen Social Collaboration, Enterprise 2.0 und Digital Workplace beigetragen.

Da die Social Business Arena @ CeBIT bereits in wenigen Wochen im März stattfindet, ziehe ich ein erstes Fazit. Übrigens gebe ich zu, dass ich etwas geschummelt und auch mich selbst interviewt habe 🙂 so dass ich mein Interview beim Fazit außen vor lasse. Auf die weiteren Fragen aus den Interviews gehe ich in Folgeartikeln ein.

Begriffsbestimmung und -verwirrung

Der Begriff “Social Collaboration” ist relativ neu und kommt aus der Bestrebung, klassische Zusammenarbeit flexibler und kommunikativer zu machen:

Social Collaboration [ˈsəʊʃəl,kəˌlæbəˈreɪʃən] (englisch für gem‚einsame und vernetzte Zusammenarbeit‘), im Unternehmenskontext Social Business Collaboration, seltener E-Collaboration oder Smart Collaboration, bezeichnet pauschal die Zusammenarbeit von Menschen in Projekten, Gruppen oder auch Teams mit Hilfe des Internets und elektronischer Medien. Bei einer solchen vernetzten Zusammenarbeit geht es nicht nur um die rein technischen Fragen, wie beispielsweise die Nutzung bestimmter Plattformen oder spezifischer Kommunikationskanäle. Als Prozess betrachtet handelt es sich auch um eine sozio-kulturelle Entwicklung des Kommunikationsverhaltens und Arbeitsstils der beteiligten Menschen bei der Arbeit an gemeinsamen Projekten. Dies kann man besonders bei der Einführung im Unternehmenskontext betrachten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Begriff auch von dem eines Enterprise 2.0.

[ Wikipedia: Social Collaboration ]

Andrew McAfee hat den Begriff Enterprise 2.0 bereits 2006 geprägt. In der deutschen Wikipedia steht aber auch da, dass es dabei auch um Kultur und eine andere Art der Organisation – und damit der Kommunikation geht:

Enterprise 2.0 bezeichnet im engeren Sinn den Einsatz von sozialer Software zur Projektkoordination, zum Wissensmanagement und zur Innen- und Außenkommunikation in Unternehmen. Diese Werkzeuge fördern den freien Wissensaustausch unter den Mitarbeitern; sie erfordern ihn aber auch, um sinnvoll zu funktionieren.

Im weiteren Sinn umfasst der Begriff nicht nur die Werkzeuge selbst, sondern auch die Tendenz der Unternehmenskultur weg von der hierarchischen, zentralen Steuerung und hin zur autonomen Selbststeuerung von Teams, die von Managern eher moderiert als geführt werden (siehe hierzu auch Smart Collaboration).

[ Wikipedia: Enteprise 2.0 ]

“Digital Workplace” gibt es weder in der deutschen noch der englischen Wikipedia. In der englischen Wikipedia wird zum Begriff “Virtual Workplace” umgeleitet:

A virtual workplace is a workplace that is not located in any one physical space. It is usually in a network of several workplaces technologically connected (via a private network or the Internet) without regard to geographic boundaries. Employees are thus able to interact in a collaborated environment regardless of where they are located. A virtual workplace integrates hardware, people, and online processes.

Der erste Blick scheint keine klare Begriffsabgrenzungen zu bieten – außer dass vielleicht der Digital Workplace ein besonders “technischer” Begriff sein könnte.

Was sagen also unsere Experten zu der Begriffswelt?

Was steckt hinter den Schlagworten “Social Collaboration”, “Enterprise 2.0” und “Digital Workplace”?

Auch bei unseren Experten ergeben sich kein eindeutiges Bild und keine eindeutigen Abgrenzungen. Teilweise argumentieren Sie damit, dass die Schlagwort Veränderungen zusammenfassen, teilweise gibt es hervorgehobene Aspekte wie die Technik.

So fassen für Rafael Laguna die Schlagworte mit einer zu hoher Vereinfachung die Veränderungen des Internets im Geschäftsumfeld zusammen hinsichtlich Zusammenarbeit, Vernetzung und neue Kommunikationsarten (Rafael Laguna: Erst mal alles in eine vertrauenswürdige Cloud). Für Niclas Otte sind die Begriffe eng miteinander verbunden, und sie stehen für die grundlegenden Veränderungen der Arbeitswelt (Niclas Otte: Social Collaboration braucht klare Vision und formulierte Schritte):

Im Zuge der digitalen Transformation erleben wir nun eine Evolution von relevanten Konzepten und Technologien, was vielleicht auch erklärt warum es Diskussionen über die Bedeutung der Begriffe gibt. Ich denke jeder dieser Begriffe ist wichtig und ich verwende alle häufig und gern. Als Anbieter von Social Collaboration Lösungen benutze ich diesen sicherlich am häufigsten 🙂

Tim Mikša hebt mehr den technologischen Aspekt hervor:

Die Schlagwörter umschreiben den technologischen Part der sozial vernetzten Arbeitsumgebung, dem Social Workplace. Unternehmen, die die Evolution der Arbeit erkennen und sich digital transformieren, werden erfolgreich sein. Diejenigen Unternehmen, die die Auswirkungen der vernetzten Welt auf ihr Business und ihre Arbeitsweise nicht sehen oder sehen wollen, werden nicht überleben.

[ Tim Mikša: Akzeptanz für digitale sozialvernetzte Arbeitsweise ist wichtigster Erfolgsfaktor ]

Auch für Benedikt Neunkirch geht es um Zusammenarbeit, wobei er indirekt auch auf die Vernetzung hinweist (“über Hierarchie- oder Altersgrenzen hinweg“). Bei dem Digital Workplace geht es ihm um die Ortsunabhängigkeit:

Im Optimalfall verläuft die Zusammenarbeit schnell und lösungsorientiert ohne andere Abteilungen oder Experten erst um Amtshilfe bitten zu müssen.
Social Collaboration hilft effektiver zu arbeiten, unkomplizierter zu kommunizieren und mehr Raum für Kreativität und Innovation zu haben.
Der Digital Workplace ist vor allem eines: Ortsunabhängig. Arbeiten kann jeder dort, wo er sich gerade aufhält. Vertrauensarbeitszeit und Home-Office machen jetzt erst so richtig Sinn.

[ Benedikt Neunkirch: Corporate Community Management wesentlich für Digital Workplace ]

Er erwähnt den Begriff “Enterprise 2.0” gar nicht, wohingegen dieser für Carsten Rossi der wichtigste Begriff ist (Carsten Rossi: Unternehmen reagieren erst, wenn der Schmerz einsetzt):

Ihn haben wir im BVDW definiert als: “… ein Unternehmen oder eine Organisation, in dem alle internen und externen Stakeholder (u.a. Mitarbeiter, Kunden, Partner, Anteilseigner) gemeinsam und auf Basis unternehmenseigener Social Software (z.B. Enterprise Social Networks oder Social CRM Systeme) an der Erreichung der Unternehmensziele arbeiten.“

Auch Carsten Rossi greift wie Niclas Otte auf den Begriff “Digitale Transformation” zurück, er bevorzugt ihn sogar. Auch Siegfried Lautenbacher wählt “Enterprise 2.0” als den allgemeinen Begriff, der durch Social Collaboration hinsichtlich Zusammenarbeit und durch Digital Workplace hinsichtlich technischer Anwendung sowie Umsetzungsmöglichkeiten konkretisiert wird:

Für mich bedeutet Enterprise 2.0 die Weiterentwicklung von Unternehmen unter den Aspekten von Handlungsmöglichkeiten, die sich als wertschöpfend herausgestellt haben und sich der Techniken, Methoden und Prozessen des Web 2.0 sowie Social Web bedienen. Social Collaboration bezeichnet spezieller die Methode der Zusammenarbeit im Unternehmen über entsprechende Möglichkeiten und digitale Plattformen. […] Natürlich auch über die Unternehmensgrenzen hinaus mit Partnern, Kunden, Lieferanten, etc. Die Einbindung aller technischen Anwendungen am Arbeitsplatz und schließlich die vielfältigen Umsetzungsmöglichkeiten im Rahmen der Teamarbeitsplätze sehe ich als Konfiguration des bzw. der Digital Workplace.

[ Siegfried Lautenbacher: Jedes Unternehmen hat andere Voraussetzungen bei Social Collaboration ]

Für Ilja Hauß schließlich stehen die drei Schlagworte für unterschiedliche Schwerpunkte: Enterprise 2.0 für die Transformation zum Vernetzten Unternhemen, Digital Workplace für die (technischen) Voraussetzungen und Scoial Collaboration für die agile, eigenverantwortliche Zusammenarbeit über Prozesse, Funktionsbereiche und Unternehmensgrenzen hinweg.

Unter dem Schlagwort Enterprise 2.0 verstehe ich hierbei die übergreifende, ganzheitliche Transformation zum vernetzten Unternehmen. […]

Der Digital Workplace schafft dafür die Voraussetzung. Dieser moderne Arbeitsplatz ermöglicht Mitarbeitern an verschiedenen Orten, mit unterschiedlichen Geräten auf alle Informationen in Echtzeit zuzugreifen, unter Erfüllung notwendiger Sicherheitskriterien. […]

Hinter dem Begriff Social Collaboration steckt meines Erachtens die Erkenntnis, dass neben standardisierten, hocheffizienten Prozessen insbesondere auch die agile, eigenverantwortliche Zusammenarbeit zwischen allen Mitarbeitern über Prozesse, Funktionsbereiche und Unternehmensgrenzen hinweg funktionieren muss und damit einen substantiellen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet.

[ Ilja Hauß: Piloten bilden Grundlage für neue Arbeitsweisen und Digital Workplace ]

Meine Erfahrungen mit Sichtweisen auf die Schlagworte Enterprise 2.0, Social Collaboration und Digital Workplace sehe ich hier bestätigt: Es gibt eine große Bandbreite unterschiedlicher Deutungen oder Definitionen. Insgesamt liegen sie zwar nicht weit auseinander, aber es gibt eben doch nicht “die alleingültigen” Definitionen. Das mag auch daran liegen, dass die Formulierung beziehungweise Deutungen der Begriffe zu einem Großteil aus der Praxis kommen. Auch wenn Andrew McAfee als Professor den Begriff geprägt hat, so entstand er doch aus einer empirischen Betrachtung und einer Untersuchung praktischer Einsätze.

Ich finde diese Vielfalt aber gar nicht verkehrt: Sie bietet immer viele Möglichkeiten der Diskussion und auch der Schwerpunktbildung. Das wiederum ermöglicht es, auf die doch teilweise sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Ausprägungen bei den Unternehmen einzugehen.

Noch Hinweis: In einem Artikel des Unternehmensblos geht Sebastian Thielke, Mitarbeiter von Siegfried Lautenbacher, noch weiter auf den Schlagwortmix und die Schwerpunkte ein (Schlagwortmix für den Arbeitsplatz – Social Collaboration, Enterprise 2.0 und Digital Workplace).

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Frank Hamm ist selbstständiger Berater für Kommunikation und Kollaboration. Er berät und unterstütz Unternehmen, Organisationen und Personen bei dem digitalen Wandel. Über seine Themen Enterprise 2.0, Social Business, Social Collaboration, Public Relations, Social Media und Office Productivity bloggt er im INJELEA-Blog.















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