Enterprise 2.0: Hierarchie versus Netzwerk?

Immer mehr Unternehmen haben sich in den letzten Jahren mit Entwicklungen begonnen, die vor nahezu zehn Jahren unter dem Begriff “Enterprise 2.0” starteten. Bei aller Begriffsverwirrung zu Social Collaboration, Enterprise 2.0 oder Digital Workplace: Bei der Digitalen Transformation und der Umsetzung von Projekten stoßen Interessierte und Verantwortliche immer wieder auf die Grenzen der betrieblich verankerten Organisation. In den Unternehmen gilt die Organisationsform der Hierarchie als Steuerungs- und Führungsmittel für Mitarbeiter und Prozesse. Mit Hierarchien werden ganz im Sinne des Taylorismus die Unternehmen auf Effizienz getrimmt. Notwendige Veränderungen werden mit Projekten eroiert und umgesetzt. Um Unternehmen im Alltag flexibler zu machen, gibt es manchmal Matrixorganisationen. Doch Matrixorganisationen als überlagernde kompetenzorientierte Hierarchien sind eben nichts anderes als Hierarchien. Im Alltag stoßen diese Hierarchien immer wieder auf Konkurrenzsituationen. In den letzten 20 Jahren gab es gerade im Wissensmanagement viele Anstrengungen, um innerhalb von Hierarchien oder auch hierarchieübergreifend Wissen “zu greifen” und für das Unternehmen nutzbar zu machen. Warum aber kamen wir damit nicht weiter?

Ein neues Verständnis vom Wissensmanagement?

Doch das klassische Wissensmanagement, so wie ich es erlebte, war die strukturierte Abspeicherung und das Wiederfinden von Wissen in Datensenken. Darum gab es Programme, Dienste und Projekte – und nach meinem Eindruck war nichts davon wirklich nachhaltig erfolgreich, denn es blieb in den Köpfen. Die Motivation etwas “richtig” abzuspeichern war nicht vorhanden, denn einen Nutzen gab es immer nur für den “Wissensarbeiter” innerhalb seiner Organisationseinheit. Schlimmer noch: Wissen war für jeden Mitarbeiter Macht. Das klassische Wissensmanagement halte ich für gescheitert. Doch die Änderungen aus der Umwelt lassen sich in Unternehmen immer seltener in vertretbarer Zeit und mit vertretbarem Aufwand durch ein Projektmanagement abfedern. Noch weniger lässt sich durch Projekte vorausschauend ein Pool von Informationen und Ideen erzeugen, um später darauf zurückgreifen zu können. Aufgrund der zeitlichen und räumlichen Verteilung von Mitarbeitern geht an einer Unterstützung durch Software kein Weg vorbei – gleich, ob dazu Begriffe wie “Enterprise Social Software” oder “Collaboration Software” verwendet werden. Dabei geht es nicht nur um eine Handlungsebene wie Management-Entscheidungen oder Software wie Enterprise Social Networks sondern auch um Überzeugungen, wie miteinander und zusammen gearbeitet wird. Jetzt geht es darum, mittels organisatorischer Maßnahmen ein Umfeld zu schaffen, in dem die Mitarbeiter ihr Wissen miteinander austauschen und daraus Informationen und neue Anwendungen generieren können.

Hierarchie versus Netzwerke

Jedoch sind Hierarchien aus oben beschriebenen Gründen für das Teilen, Austauschen und Generieren von Wissen eben nicht oder nur beschränkt geeignet. In den Unternehmen gab es schon immer mehr oder weniger inoffizielle Netzwerke von Mitarbeitern und Führungskräfte. Sie blieben aber immer wenig sichtbar in der Unternehmensöffentlichkeit. Wenn jetzt aber Unternehmen versuchen, Wissensmanagement auf eine neue Art und Weise zu “betreiben” und insbesondere dazu auch Software einsetzen, dann sorgt dies nicht nur dafür, dass bereits parallel bestehende Netzwerk sichtbar werden. Sondern dies sorgt dafür, dass eine große Menge an Netzwerken entsteht. Viele Unternehm setzen dabei sogar auf ein Community Management, um die Entstehung und den Nutzen der Communities zu fördern. Doch es bleibt der Knackpunkt, dass Netzwerke im Alltag in Konkurrenz zu Hierarchien treten. An vielen Stellen gibt es Bestrebungen, ein neues Verständnis der (zielgerichteten) Zusammenarbeit in Unternehmen zu gewinnen und neue Formen der Organisation umzusetzen. Teilweise gibt es Konzeptionen, welche die klassischen Hierarchien tatsächlich ersetzen wollen. Andere versuchen sie zu ergänzen. Einige der Begriffe sind Schlagworte sind “Holocracy”, “Wirearchy”, “Demokratisches Unternehmen” oder auch einfach nur “New Work”. So berichtet Hans-Georg Schnauffer von der Konferenz „Das demokratische Unternehmen: Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?“ am 12. Februar 2015 an der TU München:

Heute geht es um die Arbeitswelt-bezogenen Veränderungen der Digitalisierung. Damit greift diese Konferenz eine Implikation der Digitalisierung von Organisationen auf, deren Bedeutung man kaum überschätzen kann. „Endlich“ könnte man noch hinzufügen. Denn die Schatten dieser Implikationen sind schon seit Jahren zu erkennen, gerade im Hinblick auf die verschiedenen Aspekte, die man tatsächlich sehr gut mit dem Begriff der Demokratisierung beschreiben kann, zusammenfassen kann: Die Digitalisierung von Kommunikations- und Zusammenarbeitsinfrastrukturen erlaubt eine globale Reichweite in Echtzeit gezielt zu Mit-Denkern mit einem ad hoc hohen Maß an Berührungspunkten. Die wiederum führt zu Dialogen und infolge dessen zu Austausch und Zusammenarbeit – ohne dass es eines hierarchischen Impulses bedurft hätte. Dieser digital katalysierte „Tipping Point“ mag vielerorts noch schwach und diffus sein, ist aber letztlich genau der Mechanismus, der im Kern den Durchbruch zu einer neuen Dimension der Wissensvernetzung bedeuten kann.

[ Das Demokratische Unternehmen – Volles Haus bei der Konferenz in München ] Hans-Georg Schnauffer beschäftigt sich sozusagen jobhalber mit dem Wissensmanagement und seinen Implikationen auf Unternehmen: Schnauffer ist Präsident der Gesellschaft für Wissensmanagement. Im Interview mit BITKOM legt Schnauffer dar, wie aus seiner persönlichen Erfahrung Social Media sein Wissensmanagement und das von Kollegen geprägt hat. Schnauffer sieht beispielsweise Enterprise 2.0 als fundamentalen Entwicklungskorridor für das Wissensmanagement.

Keynote von Hans-Georg Schnauffer

Deswegen freut es mich, dass Hans-Georg Schnauffer eine Keynote am zweiten Konferenztag (17. März) unserer Social Business Arena hält:

Gestaltungsmöglichkeiten und –herausforderungen für Organisation und Hierarchie

Punkte der Keynote werden sein:

  • Das neue Verständnis von Enterprise 2.0: Unternehmen werden wissen (können), was sie wissen!
  • Knackpunkt Koexistenz von Hierarchie und (digitaler) Netzwerke: Worauf es bei der Weiterentwicklung der Organisationen ankommt.

Insofern bin ich insbesondere gespannt, wie Schnauffer das Spannungsfeld von Hierarchie und Netzwerken auflösen wird 😉

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Frank Hamm ist selbstständiger Berater für Kommunikation und Kollaboration. Er berät und unterstütz Unternehmen, Organisationen und Personen bei dem digitalen Wandel. Über seine Themen Enterprise 2.0, Social Business, Social Collaboration, Public Relations, Social Media und Office Productivity bloggt er im INJELEA-Blog.