Jochen Adler: Working Out Loud – kurz #wol – schult zur besseren, virtuellen Arbeit in Netzwerken!

Im letzten Beitrag habe ich ja schon darüber berichtet – wie wichtig es ist, die digitale Transformation durch geeignete Methoden der Mitarbeiterbefähigung zu unterstützen. Ein interessanter Ansatz in diesem Zusammenhang könnte das Prinzip des “Working Out Loud” sein. Die Begrifflichkeit wurde erstmalig durch Bryce Williams 2010 in einem Blog-Beitrag aufgebracht. Er definierte es mit der Formel: Working Out Loud = Observable Work + Narrating Your Work.

Viel Fahrt hat das Thema dann durch das Engagement von John Stepper bei der Deutschen Bank bekommen. Aus diesem “Stall” kommt auch Jochen Adler, der in dem deutschen Projektteam mitwirkten, und mittlerweile bei netmedia als Social Workplace Consultant tätig ist. Jochen hat jüngst eine Initiative zu diesem Thema ins Leben gerufen, was für mich u.a. Grund gab, ihn zu diesem Thema kurz zu interviewen.

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Jochen – Du bist Initiator einer deutschen Initiative zum Thema “Working Out Loud”. Kannst Du uns kurz erklären, was hinter dem Begriff steht?

Gern. Es geht darum, Beziehungen zu knüpfen und virtuelle Netzwerke zu nutzen, aber zielgerichtet: um sich professionell weiter zu entwickeln, die eigene Arbeit im Ergebnis besser zu machen, aber auch sinnvoller und damit persönlich bereichernder. Gerade ist ein Buch gleichen Titels erschienen, das die Methode näher beschreibt.

Was sind die Grundelemente des “Working-Out-Loud”-Ansatzes?

Ganz einfach, es gibt fünf Grundideen:

  1. die eigene Arbeit sichtbar machen: online veröffentlichen, z. B. in einem Blog, auch wenn es sich nur um lose Gedanken, erste Ideen oder Fragen handelt
  2. großzügige Beiträge leisten: das, was andere veröffentlicht haben, öffentlich sinnvoll ergänzen oder konstruktiv kritisieren – es geht keinesfalls darum, sich selbst großartig darzustellen
  3. ein soziales Netzwerk aufbauen: Kontakt zu Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen oder Kulturen pflegen, die neue Perspektiven einbringen können
  4. gerichtet zusammenarbeiten: das heißt, ein klares Ziel zu haben, für das es sich lohnt, neue Blickwinkel zu erschließen und breite Erfahrungen einzubringen
  5. die eigene Arbeit fortlaufend verbessen: jede Rückmeldung zu nutzen, um immer weiter am Ergebnis zu feilen

Mit den von John Stepper beschriebenen „Working Out Loud Circles“ gibt es ein formidables Einsteigerprogramm: Man probiert die Prinzipien in der Art einer „kollegialen Selbsthilfegruppe“ für zwölf Wochen gemeinsam aus. Das zieht dann im wahrsten Sinne des Wortes Kreise. Es entsteht eine Graswurzelbewegung.

Ist das “Working Out Loud”-Prinzip nicht gleich der Beschreibung der neuen Form der Zusammenarbeit mit Hilfe einer Social Collaboration Plattform? Wieso braucht es diese Extra-Betitelung?

Natürlich sind die Technologien, die wir heute zur Verfügung haben – wie Social Collaboration Plattformen in Unternehmen – ein Segen, um ein diversifiziertes und damit bei Problemstellungen leistungsstarkes Netzwerk zu pflegen. Es geht aber nicht nur ums Handwerkszeug, Working Out Loud ist genauso eine Geisteshaltung. Es erfordert besonderen Mut, eine Idee im frühen Stadium zur Disposition zu stellen. Die Qualität der Bindungen, die entsteht, und die Eigendynamik, der Sog, die Resonanz, die die Zusammenarbeit an einer virtuellen Initiative entfaltet, sind beeindruckend.

Das #WOL-Prinzip muss also eher als Change-Methodik anzusehen und sollte ein Teil des Maßnahmenkatalog zur Etablierung neuer Formen der Zusammenarbeit sein?

Working Out Loud erfüllt diesen Anspruch, aber es muss gar nicht das große methodische Rad gedreht werden. In vielen Unternehmen, die ich berate, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alltäglich eher verunsichert von den neuen technischen Möglichkeiten. Jedem ist klar, dass wir in einer virtualisierten Welt neue Techniken zur Kommunikation, Koordination und Zusammenarbeit brauchen, aber kaum einer weiß, wo und wie er konkret anfangen soll; die Geschwindigkeit vieler Veränderungen am Arbeitsplatz wirkt überwältigend. Working Out Loud (und ganz besonders die Einsteiger-freundlichen WOL Circles) geben hier eine konkrete, praktische Hilfestellung. Die Methode überwindet erfolgreich Vorbehalte und Ängste. Das ist sehr wichtig, denn vernetztes, verteiltes, virtuelles Zusammenarbeiten im Netzwerk ist ganz sicher eine Schlüsselqualifikation in der Arbeitswelt von heute, die nicht nur diejenigen beherrschen, die von Natur aus „Netzwerker“ sind und die vielleicht schon immer so gearbeitet haben – längst vor Blogs, Facebook und Twitter.

Wie wird gewährleistet, dass das Working-Out-Loud auch unternehmensrelevant bzw. prozessorientiert bleibt? Schliesslich – kann ich ja auch beim Berichten über mein Arbeiten (wie z.B. dem Schreiben dieser Fragen) schnell mal meinen Fokus in Irrelevantem verlieren?

Im Prinzip kann die Methode im professionellen Kontext genauso angewendet werden wir im privaten. Von zielgerichtetem Netzwerken kann ich profitieren, egal, ob ich jetzt beginne, im Unternehmen eine Software-Einführung zu planen und mich auf eine Führungsaufgabe vorzubereiten, ob ich auf meinem Grundstück eine Terrasse bauen will oder für meine Familie Ahnenforschung betreiben. In beiden Fällen hilft mir die Zugehörigkeit zu einer virtuellen Gemeinschaft von Enthusiasten und Experten. Was ich allerdings feststelle, ist, dass sich im beruflichen Kontext – sprich, im Unternehmen – in den allermeisten Fällen auch zur professionellen Sache ausgetauscht wird. Man hat ja eine bestimmte Rolle und im jeweiligen Spezialgebiet oft auch einen Ruf zu verlieren.

Sprich – #WOL ist auch ein Ansatz zur Disziplinierung der Social-Aktivitäten auf den Geschäftszweck?

Eher weniger. Ich würde sagen, es ist ein Ansatz, sich persönlich und professionell weiter zu entwickeln, den Horizont zu erweitern, mit Komplexität und Unsicherheit umzugehen, also auch Veränderungen – Vernetzung, Digitalisierung, Globalisierung – aktiv für eigene Zwecke zu nutzen und bewusst zu gestalten, statt sich als Spielball der Gezeiten zu fühlen. In einem Angestelltenverhältnis kommt dieses Engagement aber ganz sicher auch der Organisation zugute, zum Beispiel wenn es um Innovationskraft, Talententwicklung, Mobilität/Employability und natürlich die eigene Effektivität bei der täglichen Arbeit geht, zum Beispiel in virtuellen Projekten über verteilte Standorte.

Was ist der Gegenstand und das Ziel Deiner Vereinsinitiative zu diesem Thema?

Wir wollen den Bekanntheits- und Verbreitungsgrad der Idee erhöhen, einfach, weil sie gut ist und es verdient hat. Oft schlägt mir Skepsis entgegen, wenn Materialien aus den USA kommen. Das ist auch nicht ganz unbegründet, denn neben der Sprachbarriere gibt es hier natürlich wesentliche kulturelle Unterschiede, gerade auch in der Arbeitswelt. Ich versuche deshalb, die bestehende Community von deutschsprachigen WOL-Enthusiasten zu organisieren, damit wir gemeinsam die Methode auf die hiesigen Gepflogenheiten anpassen. Die Modernisierung unserer Arbeitswelt liegt uns genauso am Herzen wie unsere Wettbewerbsfähigkeit: Ideen und Wissen sind unser wichtigster Produktionsfaktor, und effektive virtuelle Vernetzung hilft uns, diese traditionellen Vorteile auch in einer digitalisierten Gesellschaft auszuspielen.

In der kommenden Woche findet die #wolweek statt – was hat es damit auf sich?

Wir wollen Aufmerksamkeit und Neugier wecken. Was ich beispielsweise persönlich beitrage ist, dass ich Dinge, an denen ich arbeite, auch auf Twitter oder Facebook möglichst breit teile –während der #wolweek ganz besonders intensiv. Wenn das zum Trend wird, weil es Unbeteiligten quasi im Vorbeigehen lehrreiche Einblicke in unsere jeweiligen Projekte verschafft, haben wir vielleicht bereits den einen oder anderen neuen Fürsprecher gewonnen. Probiert’s einfach mal aus! #wolweek ist die perfekte Gelegenheit dazu. Die Resonanz ist oft überwältigend, wenn man seine Gedanken online stellt – gerade wenn sie erst „halb-fertig“ sind.

Wir danken Jochen Adler für das spannende Interview – für die bevorstehende “#wolweek” haben wir eine Google Hangout Session zu diesem Thema geplant, zu der ich an dieser Stelle schon einmal gerne einladen möchte:













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