Mehrbelastung durch Arbeit 4.0 – wenn Digitalisierung ohne Systemveränderung aufgesetzt wird! #ioms16

Über einen Lead Digital-Artikel wurde ich gestern auf die Teilauswertung der DGB-Studie “Gute Arbeit” zum Thema “Arbeit 4.0” aufmerksam, die da medienwirksam mit der Schlagzeile “Mehrbelastung durch Arbeit 4.0” daherkommt. In der Kurzmeldung zu der Teilauswertung heißt es:

Die Digitalisierung geht mit tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt einher. Aus Sicht der Beschäftigten bedeutet der zunehmende Einsatz digitaler Technik und die voranschreitende Vernetzung nicht automatisch eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die in hohem oder sehr hohem Maß digitalisiert arbeiten, geben 46 Prozent an, dass ihre Arbeitsbelastung dadurch größer geworden ist. 45 Prozent sehen keine Veränderung und lediglich 9 Prozent fühlen sich durch die Digitalisierung entlastet.

Die Zahlen sind erste Ergebnisse aus der bundesweit repräsentativen Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit 2016 mit dem Schwerpunkt Digitalisierung der Arbeitswelt. Befragt wurde eine Zufallsstichprobe von 9.737 abhängig Beschäftigten mit einer Wochenarbeitszeit von mindestens zehn Stunden aus allen Branchen, Einkommens- und Altersgruppen, Regionen und Betriebsgrößen. Für die Auswertung zu den Folgen der Digitalisierung für die Arbeitsbelastung wurden die Angaben der Untergruppe von 6.314 Befragten herangezogen, die nach eigenen Angaben in hohem oder sehr hohem Maße von der Digitalisierung betroffen sind Der Jahresreport mit umfassenden Ergebnissen des DGB-Index Gute Arbeit 2016 zur Digitalisierung wird im November 2016 veröffentlicht.

Mehrbelastung durch Arbeit 4.0

Subjektive Bewertung der Mehrbelastung durch die Digitalisierung laut Teilauswertung zum DGB-Index “Gute Arbeit” 2016

Dies steht natürlich den Aussagen entgegen, dass durch die Digitalisierung und der “Arbeit 4.0” alles besser wird – sprich die Arbeit flexibler und selbstbestimmter, die Arbeitsabläufe vielfältiger und weniger monoton (weil die Automatisierung die monotonen und repetitiven Tätigkeiten für den Menschen erledigt) und die Strukturen agiler und team-orientierter werden. Die Frage, die sich stellt, lautet also – haben wir uns in unserer Technikverliebtheit getäuscht und wird alles gar nicht besser?

Digitalisierung führt nicht zur Arbeitsentlastung – aber die digitale Neuordnung

Es ist sehr utopisch zu glauben, dass die Digitalisierung von Prozessen und Arbeitsabläufen alleine zu einer Verbesserung der Arbeit führt. Insbesondere, wenn das Betriebs- und Organisationsmodell sich nicht verändert – denn dann versucht das Unternehmen und seine Mitarbeiter die gleichen “Problemen” (Wertschöpfung durch mehr Prozessdurchsatz) nur mit einer höheren Taktung zu lösen. Die digitale Vernetzung der Individuen mit den Prozessen über die entsprechenden Geräte und die ständige Verfügbarkeit wird die “Stresssituation” für den einzelnen Mitarbeiter dann natürlich erhöhen. Die Verlustängste ob der potentiell wegfallenden Tätigkeitsbereich aufgrund der fortschreitenden Automatisierung führen zu weiteren Belastungen bei den Mitarbeitern.

Damit ist klar – die Digitalisierung alleine führt nicht zur Arbeitsentlastung, sondern nur die Neuordnung der Prozesse und Strukturen, die durch die Digitalisierung möglich gemacht wird! Ohne die Berücksichtigung der Veränderungen dieser Rahmenbedingungen – ist die subjektive Einschätzung der Arbeitsentlastung doch sehr “verzerrend” – aber auch sehr medienwirksam.

Da die Neuordnung der Prozesse und Strukturen nicht über Nacht passiert (auch wenn sie strategisch angegangen wird), wird uns das Phänomen der “Mehrbelastung” durch die fortschreitende Digitalisierung in der Phase des Übergangs (der Transition) doch über die nächsten Jahre – wenn nicht sogar Jahrzehnte – begleiten. Und natürlich – um der Intention des DGBs Recht zu geben – braucht es hier Veränderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen, die es letztendlich nicht erlauben, dass ein weiterer “Wertschöpfungsgewinn” (auf Seiten der Unternehmen) auf dem Rücken der Mitarbeiter erzielt wird. Der Gesetzgeber muss natürlich einen “Riegel” vor die Ausbeutung setzen und durch entsprechende Rahmenrichtlinien die Veränderungen der Strukturen und Prozesse in den Unternehmen mit unterstützen. Dafür braucht es leider aber auch erstmal eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Thematik bei den verantwortlichen Akteuren für die Veränderung der Rahmenrichtlinien.

Neben den Veränderungen von Struktur und Rahmenrichtlinien braucht es dann aber auch noch eine Veränderung im “Mindset” der Mitarbeiter. Denn “selbstbestimmtes Arbeiten” muss auch erstmal erlernt werden – und digital unterstütztes, selbstbestimmtes Arbeiten umso mehr. Hier braucht es eine entsprechende “Befähigung” (Enablement) der Mitarbeiter – wie wir sie beim IOM SUMMIT 2016 diskutieren. Denn erst wenn der Mitarbeiter “selbstbestimmt” Informationen bewerten und selektieren, Aufgaben priorisieren und Lösungen für die Aufgabenerledigung in einer vernetzten Organisation identifizieren und anwenden kann, wird er/sie auch eine Arbeitserleichterung die durch die neuen digitalen Möglichkeiten der allgegenwärtigen Vernetzung und der digitalen Automatisierung empfinden.

Es gibt also noch genug Gestaltungsfelder, die neu zu überdenken und zu “gestalten” sind – und alle Akteure – auch der DGB – tun gut daran, die Unzulänglichkeiten im Übergang zum digitalen Betriebsmodell differenziert zu diskutieren – und sich nicht in die derzeit allgemein vorherrschende Vorliebe zur Polemik einzureihen. Dabei sollte dann auch die Begrifflichkeit der “Arbeit 4.0” überdacht werden – da diese auch Alles und Nichts sein kann.

Diskutieren Sie mit uns die Neugestaltung der digitalen Arbeitsorganisation beim IOM SUMMIT 2016




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