#cebiteda17 Dr. Anja C. Wagner stellt fest: Unser Bildungssystem wird von den drängenden Problemen unserer Welt komplett überrollt.

Als Bildungsquerulantin sieht sich Dr. Anja C. Wagner, und genau dies zeichnet sie als kreative Trendsetterin aus, deren Analysen und Statements sich auf vielseitige Tätigkeiten stützen: Inhaltlich beschäftigt sie sich mit User Experience, Bildungspolitik, Arbeitsorganisation und unserer Zukunft in einer vernetzten Gesellschaft.

Mit dem Unternehmen FrolleinFlow GbR bietet sie heute Studien, Vorträge, Consulting und verschiedene Online-Projekte an. ununi.TV mit seinem FlowCampus ist eines dieser Online-Projekte.

Ihr derzeitiger Schwerpunkt liegt auf Arbeit & Bildung 4.0 mit Fokus auf KMU und Menschen abseits des Normal-Arbeitsverhältnisses. Dieser Schwerpunkt spiegelt sich unter anderem in öffentlichen Projekten wie dem #A40MOOC und sowie dem nächsten MOOC Leuchtfeuer 4.0

Welche drei Schlagwörter nimmst Du mit zur #cebiteda17?

Bildung 4.0, Leuchtfeuer 4.0, Maker-Movement 4.0 🙂

Wir treffen Dich im Panel “Digitales Lernen & Aufbau von digitalen Kompetenzen als Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation“. Wie „heimisch“ fühlst Du Dich im Begriff „digitale Kompetenzen“

Im Grunde sehr heimisch, wenngleich ich mir das etwas rückübersetzen muss. Ich bin kein Fan des Plurals im Kompetenzbegriff, denn: Entweder ist man kompetent – oder eben nicht. Und das hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Für mich dreht sich insofern alles um die Frage, wie wir ebenjene Kompetenz in der digitalisierten Gesellschaft am besten sicher stellen können?! 

Dazu kann digitales Lernen beitragen – es braucht aber auch adäquate Rahmenbedingungen seitens des Unternehmens, der gesellschaftlichen Kultur, des Handlungsspielraums usw. usf., damit eine Person oder ein Netzwerk oder eine Abteilung überhaupt kompetent handeln kann. 

Mit anderen Worten: Die Kompetenz-Debatte ist weit komplexer als gemeinhin gedacht. Es lässt sich nur ganzheitlich oder sollen wir sagen: “systemisch” lösen.

Bis auf wenige Ausnahmen sind auch heute noch durch das etablierte Bildungssystem anerkannte Zertifizierungen die berufliche Eintrittskarte. Welche Veränderungen nimmst Du hier wahr?

Wir haben es vor allem der Personalabteilung von Google und deren internen Big Data-Analysen zu verdanken, dass wir heute validiert (!) einen Zusammenhang zwischen Abschlüssen und Performance innerhalb des Berufs ausschliessen können. Geahnt haben wir es schon immer – jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei.

Entsprechend pfeifen das langsam auch Mainstream-Berater/innen von den Dächern – und das ist eine der größten Veränderungen, die in diesem Bereich im letzten Jahr auch im deutschsprachigen Raum sichtbar wurde. Und immer mehr Unternehmen legen immer weniger Wert auf formale Abschlüsse.

Gleichwohl stehen jetzt die meisten Anbieter noch hilflos vor der Konsequenz, weil: Was will man verkaufen, wenn informelles, selbstbestimmtes Lernen zum Non-Plus-Ultra heranwächst?! 

Insofern trommelt die Bildungsindustrie noch sehr laut in Richtung Digitalisierung formaler Bildungsinstitutionen, wohlwissend, dass deren Zeit zu Ende geht. Und das ist auch gut so!

In der Proklamation zur Zukunft der Arbeit sprichst Du vom weltweiten Wettbewerb der Kompetenzen und Menschen. Welche Antwort hat unser Bildungssystem hierauf?

Der “War for Talents” war viele Jahrzehnte aufgrund der demographischen Entwicklung absehbar, jetzt ist er aufgrund der alles durchdringenden Digitalisierung noch schneller eingetreten als gedacht. Die Unternehmen suchen händeringend gute Leute. Gleichzeitig bräuchten wir eine Vielzahl kreativer Maker, die sich selbst auf den Weg machen, sinnvolle Unternehmen mit Lösungen für die drängenden Probleme unserer Welt aufzubauen. Und unser Bildungssystem wird von diesen Anforderungen komplett überrollt. 

Es ist nicht vorbereitet – weder von seinen Curricula, noch von seinen eigenen Human Ressourcen – von den non-existenten E-Government-Strukturen innerhalb der Verwaltungen ganz zu schweigen. Im Grunde ist es ein Versagen des Systems, was aus meiner Sicht auch nicht mehr reformierbar ist. 

Hier ist jetzt die Politik gefragt, neue Rahmenbedingungen auf struktureller Ebene zu schaffen, damit kompetente Menschen ihre Kompetenz selbstbestimmt und maximal unbürokratisch weiter entwickeln können. Es braucht also einen radikalen Umbau des gesamten Bildungssystem-Apparates! 

Das Weissbuch des Arbeitsministeriums setzt da m.E. stellenweise ganz gute Akzente, wenngleich auch hier noch zu viele alte, analoge Stakeholder ein Mitbestimmungsrecht für sich aushandeln wollen. Im Grunde sehe ich persönlich an diesem Punkt aber noch das beste Einfallstor, um das Bildungssystem als solches grundlegend und fundamental zugunsten der Kompetenz lernwilliger Menschen zu verändern.

Letztlich geht es jetzt darum, das Bildungssystem von der Vorherrschaft der Pädagog*innen und ihren Stakeholdern zu trennen und ein sozialpolitisch ausgewogeneres System zu schaffen. Ich habe derzeit das Gefühl, diese Erkenntnis bricht sich langsam Bahnen. 

Welche Erwartungen hast Du an die #cebiteda17?

Zum einen hoffe ich auf vielfältigen Austausch mit Interessierten aus Unternehmen, auch um mehr zu erfahren, wo deren Schuh am meisten drücken. Zum anderen diskutiere ich gerne mit anderen Expert*innen deren Thesen und Ideen. Ich bin neugierig, was die #cebiteda17 bringt! Vielen Dank für die Einladung!

Wir sagen Danke, Anja, für das Interview und auch, dass Du der Einladung folgst. Denn den ersten zündenden Gedanken hast Du schon gelegt: Kompetenz versus Kompetenzen – wir sind gespannt auf die Fortsetzung vor Ort bei der #cebiteda17, 21.03.2017.

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Ellen Trude, nach 28 Jahren Tätigkeit in Aus- und betrieblicher Weiterbildung der Bayer AG mit stets neuen und meist innovativen Projekten und Aufgaben nunmehr in einer gesunden Mischung aus Vorruhestand und Aktivitäten rund um Workplace (Arbeiten 4.0 / Digitalisierung) und Lernen (Lernen 4.0 / Social Learning) unterwegs - meist digital.





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