#ioms17 Michael Mollath, Deutsche Messe AG, über Zusammenarbeit und die Notwendigkeit des digitalen Denkens.

Michael Mollath, den Chief Digital Officer der Deutschen Messe AG, verlangten wir schon jetzt im Interview einiges ab. Denn nicht nur ich sandte meine Fragen an Michael, sondern auch Alexander Kluge von Kluge Consulting, so dass das bisher umfangreichste Interview dieser #ioms17-Reihe entstanden ist.

Ein Blick auf die Unternehmensseite der Deutschen Messe AG lässt vermuten, dass bei 130 Veranstaltungen, 3,5 Millionen Messebesuchenden und 40.000 Ausstellern das Thema Zusammenarbeit schlicht und ergreifende recht groß geschrieben werden muss. Um so spannender wird die Fallstudie “Digitale Zusammenarbeit braucht digitales Denken” sein, die Michael Mollath am 19.09.2017 im Praxis-Panel vorstellen wird.

Digital gedanklich können wir uns durch Michaels Antworten bereits einstimmen.

Welche drei Schlagworte bringst Du zum #ioms17 mit?

#Digital workplace der Zukunft? #Menschen vernetzen #Kollaboration

Nicht nur das aktuelle Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD bescheinigt Deutschland und damit seinen Unternehmern schleppenden und zögerlichen Umgang mit der Digitalisierung. Was hat die Deutsche Messe getrieben, die Digitalisierung forscher voranzubringen?

Es wurde ein CDO an Bord geholt 😉 und ein Team mit 5 Mitarbeitern, das Digital Transformation Office gegründet. Inhaltlich führen wir gerade eine ESN ein, um allen Mitarbeitern weltweit eine Plattform zur Vernetzung und Kollaboration zur Verfügung zu stellen. Außerdem veranstalten wir alle 4-6 Wochen ein sogenanntes Digital Breakfast, zu dem jeder Mitarbeiter kommen kann. Hier versuchen wir die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung den Mitarbeitern näher zu bringen und konkrete Tipps zu geben, was jeder einzelne tun kann.

Wir bedienen uns hier unseres Netzwerkes, um spannende externe Referenten zu finden, die eine viel größere Glaubwürdigkeit als ich selber oder mein Team zu den Themen besitzen.  Beim letzten Breakfast haben wir z.B. Working Out loud durch Sabine Kluge vorgestellt. Es haben sich ca. 50 Kolleginnen und Kollegen gemeldet, die gerne in einem WOL Circle mitarbeiten wollen. Ähnlich erfolgreich ist das Format an sich: für die 65 Plätze pro Breakfast melden sich immer mehr als 100 Personen an. Als weitere Massnahme geben wir den Mitarbeitern die Möglichkeit, sich zu Gruppen zusammenzuschließen und gemeinsam an Themen, die sie interessieren oder verändert werden sollten, zu arbeiten. So sind z. B. 5 Gruppen entstanden, die ein Teil ihrer Arbeitszeit aufwenden dürfen, um bestimmte Themen zu treiben oder zu entwickeln. Eine dieser Gruppe hat z. B. eine Mitarbeiterbefragung durchführen lassen, ohne das Einwirken von Führungskräften, Vorständen oder den Arbeitnehmer Vertretern. Die Ergebnisse dieser wirklich neutralen Bestandsaufnahme helfen uns nun, zielgerichtet Massnahmen für die Zukunft abzuleiten.

Mit diesem Vertrauen ausgestattet wurde ein echtes WIR Gefühl erzeugt.

Die Deutsche Messe ist in einem sehr traditionellen Markt unterwegs: Messen bringen Menschen an einem Ort zusammen und schließen dort Geschäfte über meist physische Produkte ab. Das genau Gegenteil von der digitalen Welt des permanenten Austausches rund um die Uhr und ohne physische Grenzen. Wie bereitet ein CDO eine Organisation auf das digitale Zeitalter vor?

Ganz einfach durch vorsichtiges Heranführen und Vorleben. Wir versuchen, Vorbild zu sein bei Themen wie Zusammenarbeit, Kommunikation, Transparenz. Wir versuchen aufzuklären, was eigentlich aktuell um uns herum durch die Digitalisierung passiert. Hierfür haben wir Infografiken entwickelt, die wir jedem Mitarbeiter als gedruckte Version zur Verfügung stellen.

Wir haben versucht, es so weit wie möglich zu simplifizieren, und dann ist es eigentlich recht einfach zu verstehen: Bisher bestand unser Geschäftsmodell auf dem Erzeugen und der Vermarktung von Reichweite auf “Beton”. Zukünftig werden wir dies auch digital tun.

Der Titel Deines Praxisbeispiels enthält den Begriff des „Digitalen Denkens“. Wie definierst Du dieses neue Denken?

Weg von Wissen ist Macht hin zu Vertrauen, Transparenz und Offenheit.

Was bedeutet es für die Mitarbeitenden, mit digitalen Impulsen und disruptiven Geschäftsmodellen umgehen zu müssen? Wie verändert sich der digitale Arbeitsplatz der Deutschen Messe?

Zuerst einmal brauchen wir einen deutlich stärkeren digitalen Arbeitsplatz. Durch unser ESN get.connected werden wir hier den ersten wichtigen Schritt gehen, damit wir die Mitarbeiter vernetzen und gemeinsam das Potential aller nutzen können.

Das Thema lebenslanges Lernen / digitale Fitness ist eines der Top Themen unserer neuen Unternehmensstrategie.

Mitarbeitende reagieren oft mit Vorbehalten und Angst auf Veränderungen. Die Veränderungen zur Zeit sind radikal, die Digitalisierung erfasst alles. Wie geht die Deutsche Messe mit dem Thema Angst um?

Das Thema Angst ist sicherlich eines der entscheidenden Themen bei der Digitalisierung. Eines der wenigen Themen, was wahrscheinlich völlig hierarchieübergreifend überall stattfindet. Wir haben zum einen eine starke Arbeitnehmervertretung, an die sich die Mitarbeiter vertrauensvoll wenden können. Zum anderen versuchen wir Ängste abzubauen über Aufklärung und das Aufzeigen der Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben.

Wir sind hier erst kürzlich losgelaufen, und erst langsam entwickeln sich erste Anzeichen für eine sich verändernde Kultur. Wir fangen gerade an, einen offeneren Austausch über Themen, die uns am Ende alle betreffen, zu führen. Und genau hier sehe ich eine der großen Chancen, die uns neue Technologie bieten kann.

Schnelle echtzeitfähige Dialoge über Micro Blogs oder Tools wie Slack oder HipChat können hier einen offenen, ehrlichen und hierarchielosen Dialog ermöglichen und so die drängenden Fragen adressieren.

Was sind aus Deiner Sicht die größten Stolpersteine, die dem Wandel im Weg stehen?

Die größte Herausforderung ist es, Grabenkämpfe und “Stellungskriege” zu vermeiden. Man kann unendlich viel Zeit verlieren in Diskussionen über Zuständigkeiten, Lösungsansätze und Kompetenzen, ohne inhaltlich nur einen Schritt weiterzukommen.

Es muss ein glasklares Commitment des Geschäftsführes, des CEO oder idealerweise der gesamten Unternehmsleitung geben zum Thema Digitalisierung, Veränderung und neue Wege zu gehen. Ein großer Stolperstein ist es, sich nicht von alten Vorgehensmodellen lösen zu können.

Die deutsche Ingenieurskunst der permanenten Verbesserung in kleinen Schritte mit einer Null-Fehlertoleranz steht der neuen Welt im Wege. Unsere neue Devise bei der Messe lautet “Wege entstehen beim Gehen” und dafür muss man einfach mal anfangen und auch Fehler machen, um daraus zu lernen.

Du bist CDO und damit Treiber der digitalen Themen.  Wie siehst Du das Verhältnis zum CIO und zur IT? Wie geht die Messe mit möglichen Rollenkonflikten bei CDO und CIO  bei der Gestaltung des digitalen Arbeitsplatzes um?

Das ist eine sehr gute Frage und aus meiner Sicht die größte Herausforderung bei fast allen CDOs, die ich so spreche. Wir haben es geschafft, gleich am Anfang einen Schulterschluss zu finden, in dem wir versuchen, uns regelmäßig auszutauschen und Themen gemeinsam zu entscheiden. Wahrscheinlich war es aber für mich hilfreich, dass ich selber 3 Jahre als CTO einen recht großen IT Bereich geführt habe.

Daher ist unser Konsens wir beide wissen genau so viel oder genau so wenig wir der andere. Mein Job ist es allerdings das Thema absolute Kundenorientierung wie bei Startups unternehmensweit zu etablieren, und das birgt natürlich ein gewisses Konfliktpotential.

Was erwartest Du vom IOM Summit 2017?

Super spannende Vorträge, interessante Menschen zu treffen und ein intensiven Austausch. Ich hoffe, viel zu lernen.

Vielen Dank, Michael, dass Du Dich auf unsere Fragen eingelassen hast und schon mit diesem Interview spannende Einblicke gewährst. Und Dank auch an Alexander Kluge für die Mitwirkung.

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Ellen Trude, nach 28 Jahren Tätigkeit in Aus- und betrieblicher Weiterbildung der Bayer AG mit stets neuen und meist innovativen Projekten und Aufgaben nunmehr in einer gesunden Mischung aus Vorruhestand und Aktivitäten rund um Workplace (Arbeiten 4.0 / Digitalisierung) und Lernen (Lernen 4.0 / Social Learning) unterwegs - meist digital.