#ioms17 Das Ändern muss gelebt werden – Start mit Siegfried Lautenbacher im interaktiven Workshop

Reports versuchen uns zu vermitteln, dass Deutschland ziemlich hinter den (digitalen) Veränderungen herhinke = keulenartiger Hinweis, kommt endlich in die Puschen. Andere sehen große Unternehmen sehr gut aufgestellt = super gemacht, Ihr Großen, während der Mittelstand dann wieder die Puschen bemühen muss. Doch einig scheinen sich alle (die Beweggründe der “digitalen Einigkeit” seien hier nicht diskutiert:

Ob nun klein oder groß, Veränderung ist allenthalben vonnöten, und so finden sich bereits nicht mehr zählbare Good Practice-Beispiele und Fallstudien, die die einen veranlassen, ähnliches zu erproben, die anderen ihre Einschätzung bestätigt sehen, geht bei uns leider nicht, ist ein wenig anders hier. Doch worauf schauen wir, wenn wir über eben diese Veränderungen reden?Plattform A vs. Plattform B? Funktionalitäten in Tools? Oder doch lieber ein Schielen nach diesem neuen (omniösen) Raum der neuen Kultur, des neuen Lernens, von Digital Leadership, selbstverständlich alles mobil, offen, transparent?

Was heißt es eigentlich, “ändern”, und mehr noch, wer ist gefordert, sich zu ändern? Nein, der interaktive Workshop mit Siegfried Lautenbacher, Beck et. al, am 19.09.2017 gibt kein Patentrezept für Veränderung.

Wenngleich mit Siegfried Lautenbacher ein Workshop-Moderator antritt, dessen “eigenes Haus” für Veränderung steht, wie im Interview zur #cebiteda zu erfahren war.

Doch genau darum geht es nicht, nach dem guten Beispiel zu schielen und die eigene Variante interaktiv zu kreieren. Es geht um mehr im Workshop “Hebel der Veränderung – oder wie wir unser Ändern leben müssen“.

Wir haben Siegfried Lautenbacher deshalb gefragt, was uns erwartet.

 

Deinen Workshop hast Du mit “Wie wir unser Ändern leben müssen” betitelt: Sigi, was meinst Du denn damit?

Der Titel spielt mit einer veränderten Form des Rilkegedichtes, “Archaischer Torso Apollos”, bei dem es in der letzten Zeile heißt: “Du musst dein Leben ändern”. Wohlgemerkt: Hier steht ein Imperativ: Du musst DEIN Leben ändern. Es steht eben nicht da: ‘wir müssen das Leben ändern’ oder ‘man müsste sein Leben ändern’. Das passt für mich perfekt auf unsere Situation: Wir reden über Zusammenarbeit, Kollaboration, Soziale Netzwerke et al. aber kaum darüber, was das für mich heisst, für jeden Einzelnen von uns.

Die Verdrehung von ‘Leben ändern’ auf ‘Ändern leben’ macht dabei nochmal mehr deutlich, dass es ums Tun geht! Diese Version habe ich wiederum das erste Mal gehört als Titel eines Dokumentarfilms, der über die Entstehung von urbanen Gärten auf Parkhausdächern erzählt, und auch hier passt’s, denn es geht in dem Film um die schwierige Balance von Individuum und Zusammenarbeit.

Und wenn wir nun vom “Tun” sprechen: da bin ich frustriert bis erschüttert über die Skandale gerade in der Industrie, die so auf Enterprise Social Networks, Kollaborationsplattformen und Digital Transformation ausgerichtet ist. Ich stelle mir derzeit oft die Frage, ob der ganze Digital Work/ Digital Collaboration Hype nicht bloße Schminke ist. Was ist hier falschgelaufen? Was muss jetzt geschehen und wie können wir helfen, damit echte Veränderung auf allen Ebenen stattfindet und wir uns nicht in unseren elitären Zirkeln (wir sind ja fast stolz auf unsere Filterblasen, wenn ich mir so manche Hashtags anschaue) selbst genügen?

Ich glaube, Ellen, Du hast mal gesagt: ‘Veränderung ist ja nicht etwas, zu dem ich nicke, wenn es mich von einer Hochglanzfolie anlächelt, sondern das, was mich zwickt und mir weh tut’. Genau so ist es. “Du musst dein Leben ändern”/”Du musst dein Ändern leben”: das ist der Imperativ, der uns ständig daran erinnert, dass Veränderung nur über das stetige Trainieren des Selbst funktioniert. Es geht um eine übende Grundhaltung, die mehr will, als sie gerade vermag.

Wie ist das mit der “Schminke”?

Wurde über den Pickel einfach mit dem Deckstift drübergeschminkt? Ist soziale Kollaboration über Plattformen eben nur die Spielwiese für die (jungen) Engagierten, die man an’s Unternehmen binden möchte? Man gibt ihnen deswegen ein nettes Spielzeug an die Hand, schickt sie auf tolle ‘Unkonferenzen’ und Barcamps und lässt sie von “Thoughtleadern” vollschwatzen, damit die Ansprüche zumindest auf der gefühlten Ebene erfüllt werden.

Es könnte sogar noch schlimmer sein. Dann meint Schminke, dass Kollaborationsplattformen ein bewußt eingesetztes Werkzeug darstellen, über das die Ansprüche der neuen Generation an den Sinnbezug von Arbeit befriedigt werden. “Einführung zweier Betriebsmodi” würden die Ingolstädter dazu wohl sagen. Die Plattformen fungieren als potemkinsches Dorf, das gezielt dazu aufgebaut worden ist, Arbeit, Vertrauen, Wertschätzung und Augenhöhe als Unternehmensziel vorzutäuschen, während in Wirklichkeit die Entscheidungen weiterhin in versteckten Zirkeln der Macht getroffen werden.

Dann spiegelt sich auf Unternehmensseite das, was Felix Stalder in der Politik als “Postdemokratie” bezeichnet: in Communities kann man sich trefflich auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam Entscheidungen treffen, die allerdings keinerlei Auswirkungen auf die strategische Ausrichtung oder auch nur weitere Gestaltung der gemeinsamen Zusammenarbeit haben.

Ich glaube mit Stalder, dass wir als Gesellschaft und als Unternehmen an einem Scheideweg stehen. Jeder Einzelne von uns muss sich bewußt entscheiden, welchen Beitrag er leisten möchte und wo(für) sie steht. Davor braucht es wahrscheinlich den Prozess des Abschminkens und damit der Ent-täuschung.

Und wie kann der Beitrag aus Deiner Sicht ausschauen?

Das würde ich gerne gemeinsam mit der IOM Summit Gemeinde im Workshop entwickeln. Ein paar Fragen, mit denen wir starten könnten:

  1. Wieso verlassen denn viele der Evangelist*innen der ersten Welle die Unternehmen, in denen sie Plattformen für Zusammenarbeit (mit)eingeführt haben? Was bedeutet das?
  2. Was heisst das “Ändern leben” für jeden von uns konkret? Ohne Weichzeichner und Kompromiss?
  3. Wie können wir uns selber immer wieder kritsch hinterfragen und auch auf die Organisation sowie ihre Prozesse und Strukturen reflektieren?
  4. Jeder von uns will irgendwie selbst ein “thought leader” sein. In Wirklichkeit plappern wir relativ kritikfrei Thesen hinterher, die wir zuvor in Bulletpoints zusammengefasst haben, weil das Argumentieren in längeren Texten zu anstrengend ist. Wohin führt uns das?
  5. Wie ist das mit dem richtigen Ausstrecken in der falschen Badewanne?

Anders als beim Gesicht abschminken, brauchen wir keine weichen Wattepads: Es sind die unangenehmen Fragen, die beim Abschminken helfen und das eigene Verändern tatsächlich in Gang setzen können. Weil die eigene Veränderung in der Regel eben auch bedeutet, sich verwundbar, vulnerabel zu machen. Es ist die Basisregel einer Grammatik des Zusammenarbeitens.

Sich verwundbar machen?

Ja, sich verwundbar machen. Sich zeigen. Einfordern. Brene Brown zeigt aus meiner Sicht überzeugend, dass die eigene Vulnerabilität die Basis für all die Eigenschaften darstellt, die wir einfordern und über Kollaborationsplattformen leben wollen.

Erst die Courage zu haben, unvollkommen zu sein und das zu zeigen bedeutet, auf Augenhöhe zu sein. Sich Ent-täuschen zu lassen und damit die neurotischen Sicherungssysteme beginnen aufzulösen, kann nur in einem solchen Fall passieren.

Ich bin gespannt, ob es Mehreren so geht wie mir. Das werden wir ja dann auf dem IOM Summit sehen! Ich freue mich jedenfalls sehr auf die Auseinandersetzung darüber.

Sigi, vielen Dank. Auf meiner Agenda für den 19.09.17 steht auf jeden Fall um 16:10 Uhr der Workshop 4 mit Dir.

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Ellen Trude, nach 28 Jahren Tätigkeit in Aus- und betrieblicher Weiterbildung der Bayer AG mit stets neuen und meist innovativen Projekten und Aufgaben nunmehr in einer gesunden Mischung aus Vorruhestand und Aktivitäten rund um Workplace (Arbeiten 4.0 / Digitalisierung) und Lernen (Lernen 4.0 / Social Learning) unterwegs - meist digital.